Skandinavische Pfahlbauten mit bis zu 600 Quadratmeter Grundfläche
Skandinavische Gesellschaften der späten Jungsteinzeit und zur Bronzezeit besaßen eine weitaus komplexere Sozialstruktur als man bisher annahm. Zu diesem Ergebnis kommt der Archäologe Magnus Artursson von der Universität Göteburg http://www.gu.se. Er analysierte als erster über 100 Siedlungen aus dem Zeitalter zwischen 2300 und 500 vor Christus, die in Skandinavien im letzten Jahrzehnt beim Bau von Autobahnen und Zugstrecken entdeckt wurden. Bisher hatten sich Forschungen dieser Region weitgehend auf die Analyse von Gräbern und Opfermaterial beschränkt.
Ähnlich wie bei bronzezeitlichen Funden in Holland oder an den Seen des Alpenvorlands vertraute man in Skandinavien auf die Pfahlbauweise. Die dafür in die Erde vergrabenen Pfähle, auf denen die Häuser standen, geben auch heute noch Zeugnis von den ehemaligen Siedlungsformen. “Die Größe der Siedlungen war sehr unterschiedlich, belief sich aber höchstens auf zehn Häusern, in denen insgesamt etwa 150 Menschen gelebt haben dürften”, so Artursson im pressetext-Interview. Ein Faktor für die Größe sei die Nähe an Abbaustätten wie Quarzminen, das für Prestigeobjekte der Häuptlinge eingesetzt wurde. Als außergewöhnlich bezeichnet Artursson die Größe der Häuser. “Auch hier gab es deutliche Unterschiede, wobei besonders in der frühen Bronzezeit manche Gehöfte Ausmaße von zehn mal 60 Metern erreichten.”
Diese Größenunterschiede sind für Artursson ein deutlicher Hinweis für die soziale Organisation, in Verbindung mit bisherigen Erforschungen. Die bronzezeitliche Gesellschaft basierte demnach auf kleinen bis mittelgroßen Stammesfürstentümern. “An ihrer Spitze stand der Häuptling, der über Krieger zur Verteidigung des Territoriums sowie zum Angriff verfügte. Daneben gab es Bauern sowie vermutlich auch Sklaven,” so Artursson. Während der Ackerbau erst im Lauf der Zeit aufkam, wurden Kühe, Schafe und Schweine bereits früh gezüchtet und bildeten eine wichtige Nahrungsquelle. “Das Klima in dieser Zeit war mit Temperaturen von wenigen Grad über den heutigen Temperaturen gemäßigt”, erklärt der schwedische Archäologe.
Grundlage dieses Herrschaftssystems war die Macht der Einzelperson, die stark von den jeweiligen persönlichen Fähigkeiten des Häuptlings abhing. Da nach dessen Tod stets ein Zusammenbruch erfolgte, verliefen die Zusammenschlüsse meist auf kleiner Ebene. “Die Situation ähnelte in mancher Hinsicht derjenigen der Warlords in heutigen Gesellschaften wie Somalia, Sudan, Kongo oder Afghanistan. Sie war von ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen um die Führung und zwischen den Häuptlingen um die Vorherrschaft geprägt”, so Artursson. Gegen Ende der untersuchten Epoche könne man eine Entwicklung hin zur Vererbung von Hierarchien feststellen.

